Wortschatz fördern mit dem Modell des mentalen Lexikons – Tipps

Wie kann man Kinder und Jugendliche unterstützen, sich Wortschatz dauerhaft zu merken und sicher abzurufen? Sowohl Alltagswortschatz als auch schwierigen Fachwortschatz?

Grundlegend orientiert man sich dazu am besten an Modellen, die zeigen, wie Wortschatz im Gehirn gespeichert wird, an Modellen des mentalen Lexikons. Danach integriert man am besten Fördermaßnahmen zu 7 Aspekten in den Unterricht oder die Therapie, um eine vielfältige und vernetzte Speicherung auf allen Ebenen zu ermöglichen.

Wie das geht, wird im Folgenden vorgestellt. Außerdem gibt es die Übersichten als freier Download hier: Modell des mentalen Lexikons mit Förderideen sowie als Arbeitsblatt für Reflexion/Fobis (pdf, CC-BY).

Hintergrund

Wörter sind im Gehirn bzw. im mentalen Lexikon idealerweise vernetzt gespeichert (Aitchison 1997; Glück 2010): Je mehr Informationen zu einem Wort verfügbar sind und je vernetzter es mit anderen ist, desto sicherer kann es abgerufen und gebraucht werden. Daher sollte man im Unterricht und in der Therapie darauf achten, Wörter nachhaltig zu klären und zu erarbeiten.

Hilfreich ist dabei das Modell des mentalen Lexikons, das auf Levelt (1989) zurückgeht bzw. von Luger (2006) um Einzelaspekte erweitert wurde, und hier nochmal praktisch erläutert werden soll (vgl. Reber/Schönauer-Schneider 2020, 2022).

Das Modell – 7 Aspekte der Speicherung von Wörtern

Einen ersten Überblick über das Modell des mentalen Lexikons und seine 7 Aspekte der Informationsspeicherung sowie exemplarische Ideen zur Förderung gibt zusammenfassend die folgende Abbildung:

Elaboration von Wortschatz basierend auf dem Modell des mentalen Lexikons
CC-BY Dr. Karin Reber & Prof. Dr. Wilma Schönauer-Schneider,
http://www.karin-reber.deModell in Anlehnung an Reber, K./Schönauer-Schneider, W. (5/2022): Bausteine sprachheilpädagogischen Unterrichts. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel, 96.

Das Modell des mentalen Lexikons geht davon aus, dass zu jedem Wort im Gehirn vielfältige Informationen zu verschiedenen Bereichen gespeichert sind. Am Beispiel des Wortes „Leseratte“ sollen diese kurz erläutert werden:

AspektErläuterung
phonologisch
Aussprache
Wie spricht man das Wort aus? Wie wird es betont? Wie viele Silben hat es?
[ˈleːzəratə]
semantisch
Bedeutung
Was bedeutet das Wort?
Umschreibung: Person, die sehr viel liest, hier: Metapher, d.h. übertragene Bedeutung
Beispiele geben: Anna und Lena sind Leseratten.
Assoziationen: Bücher, Bücherei, Geruch von Büchern, Geräusch des Blätterns
Gegenteil: Lesemuffel
morphologisch
Wortbausteine
Aus welchen Wortbausteinen besteht das Wort?
Les|e|ratte
Was sind verwandte Wörter?
lesen, Ratte
Bei Metaphern setzt sich die Gesamtbedeutung nicht allein aus den Einzelbedeutungen der Wortbausteine zusammen, sondern es entsteht eine übertragene, neue bedeutung, die gesellschaftlich in der Kommunikation in der Sprachgemeinschaft bekannt ist.
syntaktisch
Satzbau
Wie wird das Wort im Satz verwendet?      
Yannick ist eine Leseratte.
als (abstraktes) Nomen, Artikel „die/eine“, … 
graphemisch
Schreibweise
Wie schreibt man das Wort?
<Leseratte>
d.h. mit <tt>
prozedural
Handlungserfahrung
Handlungen zum Wort, pantomimische Darstellung des Wortes (v.a. bei Verben wichtig):
Hier schwierig, evtl. Haltung beim Lesen, Leseverhalten
episodisch
persönliche Erlebnisse und Emotionen
Eigene Erlebnisse, Erfahrungen:
Erinnerung an tolle Leseerlebnisse, Versunkenheit in Geschichten, nicht mehr zu lesen aufhören können, …

Der syntaktische Aspekt hat dabei eine Brückenfunktion zwischen den Aspekten der Form (Lexem, linke Seite des Modells) und des Inhalts (Lemma, rechte Seite), da der Gebrauch eines Wortes im Satz den Bedeutungsrahmen aufspannt (es ist „eine Leseratte“, also ein Nomen einsetzbar als Subjekt oder Objekt, nicht aber als Prädikat: „heute leserattet sie nach haus (falsch)“.

Die Abbildung oben zeigt nun verschiedene methodische Ideen, um die Förderaspekte umzusetzen:

Die Kernbereiche, die nie fehlen dürfen, sind Aussprache und Wortbedeutung:

Um die Aussprache (phonologisch) zu fördern könnte man z.B. das Wort mehrfach sprechen, im Chor sprechen, in verschiedenen Lautstärken sprechen, klatschen, langsam oder schnell, laut oder leise sprechen, … Je öfter desto besser! Damit ein Wort wirklich in den aktiven Wortschatz übernommen wird, muss es möglichst oft auch aktiv gebraucht sein. Ein Hören des Wortes z.B. bei der Lehrkraft reicht nicht aus!

Die allerwichtigste Frage beim Klären der Bedeutung (semantisch) ist: „Was ist eigentlich ein/eine …?“ Fragt man nach der Bedeutung von Wörter bzw. spricht man in der Gruppe darüber, wird das Wort automatisch in verschiedenen Kontexten, Sätzen und grammatikalischen Formen genutzt. Auch Beispiele geben, es in der realen Welt auffinden (als Realgegenstand mitbringen) oder mit semantischen Relationen arbeiten (Gegenteil, Ober-/Unterbegriff, Teil-Ganzes, …) ist hilfreich. Wenn ein Wort mehrdeutig ist, muss nicht nur die wörtliche Bedeutung, sondern auch die übertragene geklärt werden (z.B. Leseratte). Im Sinne einer Kultur der Vielfalt können gerade auch mehrsprachige Kinder ihr Wissen aus anderen Sprachen einbringen.

Ideen für die weiteren Aspekte finden sich in der Abbildung (vgl. auch Download hier).

Grundlegende Tipps zur Umsetzung

Wörter sind die Schlüssel zur Sprache – Wörter sind Schätze und Geschenke, wenn man sie erwerben darf und kann. Daher ist eine positive Grundhaltung von Vorteil, mit der im Unterricht oder in der Therapie stetig nach neuen Wörtern bzw. Schätzen gesucht wird (vgl. Therapiekonzept des „Wortschatzsammlers“ nach Motsch et al. 2018).

Es ist kein Makel oder Fehler, wenn man ein Wort nicht weiß, vielmehr erhält man Lob und positive Verstärkung, wenn man ein neues, schwieriges Wort findet und nachfragt: Du hast gut nachgefragt! (vgl. Konzept „Monitoring des Sprachverstehens, MSV“ nach Schönauer-Schneider, Hachul/Schönauer-Schneider 2019).

Schaffen einer positiven Fragekultur
Schaffen einer positiven Fragekultur

Die Freude am Entdecken neuer Wörter kann man durch Rituale weiter erhöhen:

  • Rolle des Nachfragenden durch ein Rollensymbol unterstreichen, z.B. ein Kind bekommt für eine Phase einen Hut und wacht damit über schwierige Wörter
  • Sammeln von Wortkarten in Wortschatzkisten
  • Wortspeicher-Plakate zu aktuellen Themen im Klassenzimmer
  • Wortschatzsammlungen zur Vorentlastung vor Aufgaben erstellen und dann nach der Bearbeitung nochmal ergänzen, um zu sehen, wie viele Wörter man gelernt hat
  • Wortschatz in Mindmaps etc. sammeln
  • Spielerische Formate zum Sammeln von Wortschatz nutzen, z.B. Quiz, Dalli-Dalli, modifizierte Stadt-Land-Fluss-Formate, Kreuzworträtsel, Suchsel, …
  • Wortschatz-Portfolios zu aktuellen Themen erstellen und gestalten, entweder analog oder z.B. digital mit Book Creator

Weitere Ideen finden sich z.B. bei Reber/Schönauer-Schneider 2020/2022.

Übungsidee für die eigene Reflexion und für Fortbildungen

Für Fortbildungen oder um das Ganze mal zu durchdenken empfiehlt sich folgende Übung:

  1. Wählen Sie ein Wort aus Ihrer Therapie oder Ihrem Unterricht, das Sie gerne vertiefen würden!
  2. Überlegen Sie sich für jeden Aspekt (phonologisch, semantisch, …) eine Fördermaßnahme für Ihr gewähltes Wort!

Sie können Ihre Ideen hier eintragen:

Elaboration von Wortschatz basierend auf dem Modell des mentalen Lexikons
CC-BY Dr. Karin Reber & Prof. Dr. Wilma Schönauer-Schneider
Modell in Anlehnung an Reber, K./Schönauer-Schneider, W. (5/2022): Bausteine sprachheilpädagogischen Unterrichts. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel, 96.

Fazit

Sie werden bemerken, dass Wortschatzförderung Zeit braucht: Da man idealerweise ein kleines Gespräch über das Wort anstoßen wird, muss man für die Klärung eines neuen Wortes mindestens 2-5 Minuten einplanen. Das limitiert die Anzahl der neuen Wörter in einer Unterrichtsstunde doch schon sehr! Mehr als 8-10 Wörter sollte man im Primarbereich nicht wählen, und das sind schon viele – beser nur maximal 5. In den höheren Klassen niemals mehr als 15 neue Wörter! Das gilt auch für neue Lernwörter im Rechtschreiben, Fachwortschatz in Sachfächern etc., die von der Bedeutung, Aussprache etc. her schwierig sind. Da gilt der alte Leitsatz: Weniger ist manchmal mehr!

Rechtehinweis

Die hier frei verfügbaren Abbildungen stehen unter der Lizenz „Creative Commons – CC-BY“, dürfen also entsprechend der Lizenzbestimmungen mit Namensnennung gerne zitiert und weiterverwendet werden.

Literatur

Aitchison, J. (1997): Wörter im Kopf. Eine Einführung in das mentale Lexikon.
Max Niemeyer Verlag, Tübingen

Glück, C. W. (2010): Kindliche Wortfindungsstörungen: Ein Bericht des aktuellen Erkenntnisstandes
zu Grundlagen, Diagnostik und Therapie (4. Aufl.). Münchener Beiträge zur Sonderpädagogik:
Vol. 19. Frankfurt am Main: Peter Lang.

Hachul, C./Schönauer-Schneider, W. (2019): Sprachverstehen bei Kindern. Grundlagen, Diagnostik und Therapie. Elsevier, München.

Levelt, W. J. M. (1989): Speaking. From Intention to Articulation. MIT Press,
Cambridge, Mass.

Luger, V. (2006): Versprecher. Voraussetzungen – Entstehung – Interpretation
des mentalen Lexikons. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken

Motsch, H.-J., Marks, D.-K., Ulrich, T. (2018): Wortschatzsammler: Evidenzbasierte Strategietherapie
lexikalischer Störungen im Kindesalter (3. Aufl.). München: Ernst Reinhardt.

Reber, K./Schönauer-Schneider, W. (2/2020): Sprachförderung im inklusiven Unterricht. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel.

Reber, K./Schönauer-Schneider, W. (5/2022): Bausteine sprachheilpädagogischen Unterrichts. Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel.

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